Stefan Brunner

Patagonien Fitz Roy Supercanaleta

Fitz Roy calling

Der weihnachtliche Niederschlag in Form von Schneeregen verebbt im Laufe des Nachmittages des 26.12.2015. Die Sonne kommt raus und in kürzester Zeit ist von dem Unwetter der letzten Tage jegliche Spur verwischt. Zumindest unten im Ort. Von Chalten aus können die Schneemassen in den Bergen nur erahnt werden. Jetzt ist es wichtig, erstmal die Sonne ihre Arbeit machen zu lassen. Diese soll den Schnee durchfeuchten, aus steilen Felsplatten abrutschen lassen und zu guter Letzt die weiße Pracht über Nacht wieder gut zusammen frieren. So vergehen der 27. und der 28. Dezember mit warten. Bei strahlend blauem Himmel ist das gar nicht so einfach.

Für die von uns geplante Route ist es extrem wichtig, dass der Schnee möglichst gut gefroren ist. Zum einen ist der Zustieg auf dem Schneebedeckten Gletscher viel anstrengender, wenn der Schnee nicht trägt und zum anderen ist der erste Teil unserer Route eine Schnee- und Eisrinne für die ersten 1200 Höhenmeter. Danach verläuft die Route für 19 Seillängen über Eis, Schnee und Fels zum Gipfel des Fitz Roy, 3405 Meter Seehöhe.

Die Route Supercanaleta 1600 m, 80° 5+

Am 29.12.2015 starten wir von Chalten Richtung Fitz Roy.
Bei unseren ersten beiden Touren waren wir immer alleine unterwegs. Nie hatten wir eine zweite Seilschaft in unserer Umgebung, das ist sicherlich größten Teils dem schlechten Wetter zuzuschreiben. Diesmal ist das Wetter deutlich besser angesagt und ganz Chalten ist in Aufbruchstimmung. Jeder der einen Klettergurt besitzt stopft diesen mit viel anderem Material in seinen Rucksack und macht sich auf in die Berge.

Österreicher Auflauf

Wieviele Leute werden wohl morgen die Supercanaleta versuchen? Diese Frage beschäftigt mich schon eine Weile. Mit Timo und mich eingeschlossen sind sechs Personen oder drei Seilschaften mit diesem Ziel bekannt. Alle sechs aus Österreich: zwei Tiroler, drei Salzburger und ein Oberösterreicher. Mindestens sechs Leute werden in einer Linie den steilen Schnee- Eisschlauch rauf stapfen.

Zustieg

Gemeinsam mit den anderen Österreichern geht es mit dem Taxi zur Brücke des Rio Electirco, von dort zu Fuss zur Piedra del Fraile und gleich weiter zur Piedra Negra. Der Weg ist gezeichnet vom schlechten Wetter der letzten Tage und auch von den Sonnenstunden danach! Das Wasser ist überall. Bereits nach wenigen Meter müssen wir den ersten Bach queren, wo normal gar keiner ist. Danach führt der Pfad in einen Wald der etwas magisches an sich hat. Die großen, vom Wind geformten Südbuchen und das saftige grüne Gras darunter machen diesen Teil des Weges zu etwas ganz besonderem für mich. Ich bin diese Strecke nun schon viermal rein und raus gegangen und jedesmal hat mich diese Strecke beeindruckt.

Nach circa vier Stunden erreichen wir das Camp Piedra Negra, dem von Timo und mir auserwählten Ausgangspunkt für unsere Tour. Unsere Österreichischen Kollegen gehen noch weiter bis unter den Einstieg der Supercanaleta, damit sie am nächsten Morgen gleich Vorort sind und sich die zwei Stunden Zustieg ersparen die Timo und ich in den frühen Morgenstunden bewältigen müssen. Der Vorteil unseres Zeltplatzes liegt darin, dass wir nicht über die Route abseilen müssen. Wir können die Franzosenroute auf der anderen Seite des Fitz Roy abseilen, sollten zu viele Leute in der Wand sein. Das ist unser Plan, um den Gefahren durch zu hohe Erwärmung und zu vielen Leuten aus dem Weg zu gehen.

Wir stellen unser Zelt auf, schmelzen Schnee, kochen gefriergetrocknete Fertiggerichte und rasten. Es ist erst 15 Uhr aber wir versuchen uns so gut es geht auszurasten, denn um Mitternacht wollen wir aufbrechen. Richtig schlafen konnte keiner von uns beiden, so sind wir nur im Zelt gelegen und haben gewartet.

Start mitten in der Nacht

Um Mitternacht ist es dann soweit. Es geht los. Ein spartanisches Frühstück und ab. Leider hat es in der Nacht etwas geregnet, der Schnee ist bei uns auf 1500 Meter sehr feucht und nicht angezogen. Nicht optimal. Es geht rauf zum Paso del Cuadrado und auf der anderen Seite gleich wieder hinunter. Es ist ein Labyrinth aus Spalten an dem wir uns, so gut es geht, linkshaltend vorbeischleichen. Danach geht es rasch voran bis unter den Beginn des Eisschlauches. Es ist 02:30. Circa 300 Höhenmeter oben im Eisschlauch sehen wir schon unsere österreichischen Freunde beim Spuren. Ansonsten ist keine andere Seilschaft in Sicht. Perfekt. Nach einer kleinen Pause starten auch wir den steilen Schneekegel hoch. Nach dem Bergschrund folgt der Routenverlauf der logischen Linie insgesamt 1200 Höhenmeter im Schnee und Eisschlauch der links und rechts von glatten Felsplatten begrenzt wird. Wir kommen zügig voran. Auf dieser Höhe ist der Schnee durchgefroren und die Spuren unserer Freunde erleichtern uns den Weg.

Umkehr, Gipfel und verschiedene Abstiege

Am Bloque Empotrado angekommen, kommt das Seil aus dem Rucksack. Es beginnt anspruchsvolle Mixed Kletterei. Einer unsere Kollegen fühlt sich der Route an diesem Tag konditionell nicht gewachsen und dreht um. Die anderen drei bilden eine neue Seilschaft und klettern gemeinsam weiter. Über viele Seillängen klettern wir als zwei Seilschaften, teilweise hintereinander aber auch viel nebeneinander durch die Supercanaleta. Für den letzten Teil der Schwierigkeiten schließen wir uns dann doch noch auf eine große fünfer Seilschaft zusammen. Am Ende der Schwierigkeiten angekommen, schmelzen wir etwas Schnee und machen uns gemeinsam auf zum Gipfel. Diesen erreichen wir so gegen 16:00. Nachdem obligatorischen Handschlag und einer kleinen Pause beginnen wir mit dem Abstieg. Nun trennen sich unsere Wege wieder, die drei seilen über die Route ab. Timo und ich entscheiden uns für die Franzosenroute als Abstieg.

Langer Abstieg im weichen Schnee

Der erste Abseilstand ist schnell gefunden und es geht zügig nach unten. Dann kommen wir jedoch von der Route ab und wir basteln uns für drei Seillängen unsere Abseilstände selber. Einmal verhängt sich das Seil sodass wir hochsteigen müssen um es zu lösen. Danach sind wir wieder in der Franzosenroute und mit zwei, drei weiteren Abseilern stehen wir im Schnee von la Silla. Es folgt eine längere Pause. Wir kochen uns eine gefriergetrocknete Mahlzeit und füllen unsere Flüssigkeitsspeicher wieder auf. Mittlerweile ist es nach 20:00 und der Rückweg ist noch lange. Es geht weiter, runter zur Brencha de los Italianos von dort fünf oder sechs mal abseilen und wir stehen unterhalb vom Bergschrund mit beiden Füßen bis zur Hüfte im Schnee. Das kann ja noch lustig werden.

Wir wühlen im tiefen Schnee ohne Aussicht auf Besserung.Der einzige Trost ist, dass es noch bergab geht. Danach ist der Gletscher flach bis unter die Guillaument dort müssen wir nochmal ein paar hundert Höhenmeter rauf, um auf der anderen Seite des Paso Guillaument genauso viele Höhenmeter wieder abzusteigen zu unserem Zelt. Dann ist es geschafft. Aber noch ist es nicht soweit, der Schnee erlaubt nur ein sehr langsames vorwärtskommen. Langsam aber beständig nähern wir uns der Steigung und dem Spaltengewirr unter der Guillaument. Zum Glück finden wir auf Anhieb einen guten Weg durch die Spaltenzone. Gar nicht so einfach bei finsterer Nacht. Vom Paso Guillaument geht es über Schnee und Felsblöcke hinunter zu unserem Camp, dieses erreichen wir so gegen 02:30. Ein langer Tag geht zu Ende. Diesmal können wir ganz leicht einschlafen.

Der Tag danach

Der nächste Tag beginnt schon früh. Um halb neun steht Roli, einer von unseren gestrigen Kletterpartnern, schon vorm Zelt und weckt uns auf. Nach einem kurzen Tratsch macht er sich auf den Weiterweg ins Tal. Unser Plan ist, das ganz Material zu trocknen und ein Materialdepot für die nächste Tour anzulegen. Genau so machen wir es dann auch mit der Folge, dass wir den Abstieg mit extrem leichten Rucksäcken antreten. Mit so einem leichten Sackerl ist der Weg nach Chalten schon Teil der Regenerationsphase.

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